Der Koch

Dieses würde das Beste werden was er jemals gekocht hatte. Die letzten Tage war er sein Rezept immer und immer wieder im Kopf durchgegangen. Eigentlich war es nichts außergewöhnliches, aber die feine Abstimmung der Zutaten war sein Geniestreich. Für die Zubereitung brauchte er Ruhe. Deshalb hatte er den Anrufbeantworter eingeschaltet. Er durfte jetzt nicht gestört werden.

Er stand in seiner eigentlich viel zu kleinen Junggesellenküche. Es war sozusagen die Vorpremiere, die letzte Übung vor dem großen Wettbewerb am nächsten Freitag. Das Fernsehen würde auch dabei sein. Und dann würde er es allen zeigen. Zeigen, dass er mehr drauf hat als immer nur die gleichen Gerichte in dem spießigen Restaurant in dem er seit 2 Jahren arbeitete.

Er betrachtete die vielen Schalen mit den Zutaten und steckte sich ein Stück Schokolade in den Mund. Die Vorspeise „Kalbsfilet im Kräutermantel auf Thunfischsauce“ war schon fertig. Eine Herausforderung. Er brauchte hierzu Salz, Pfeffer, und Gartenkräuter in der exakt richtigen Mischung und zwar Basilikum, Kerbel, Estragon und Thymian. Für die Thunfischsauce Balsamico-Essig, Zitronensaft und scharfen Senf. Er schmeckte ab. Das Schmecken war seine Stärke. Er konnte bei einem Gericht sofort erkennen welche Gewürze darin waren und wie viel von jedem. Ein paar Gramm zuviel oder zuwenig und die ganze Mühe konnte umsonst gewesen sein. Schon während der Lehre hatten sie seinen Geschmackssinn bewundert. Sogar Michaela, die mit ihm gelernt hatte, war neidisch gewesen. Michaela war seine erste große Liebe, aber leider war die Liebe sehr einseitig. Das Schmecken war auch so ziemlich das Einzige gewesen worin er während der Lehre gut war. Ansonsten war er ziemlich mittelmäßig. Michaela dagegen war jetzt eine feste Größe in der Kochszene und auf dem Weg zu einem Stern. Und das als Frau.

Am Freitag würde er ihr und allen anderen zeigen wie gut er war. Er hatte an sich gearbeitet. Unzählige Male als er gut Essen war hatte er sofort gewusst, warum das Essen gut aber eben doch nicht perfekt war. Er konnte das blitzschnell analysieren. Zu Hause hatte er es dann oft nachgekocht mit den richtigen Mengen. Er konnte es besser, das wusste er und irgendwann würde auch Michaela es merken.

Wieder steckte er sich ein Stück Schokolade in den Mund. Ich muss damit aufhören, sagte er sich, sonst kann ich nicht abschmecken. Aber Schokolade war sein großes Laster. Besonders wenn er nervös war.

Er machte sich an die Hauptspeise. Ochsenfilet mit Orangen-Möhren. Für die Gnocchi brauchte er Pfeffer und eine geriebene Muskatnuss. Die Möhren verfeinerte er mit Salz, Pfeffer und einem Esslöffel Zucker. An die Brösel tat er das Mark von einer Vanilleschote, 1 TL Zimtpulver, ½ TL gemahlenen Kardoman und ½ TL Chilipulver. Die Kartoffeln für die Gnocchi waren schon gar gekocht. Er goss sie ab, pellte sie und drückte sie durch die Kartoffelpresse in eine Schüssel. Er gab noch Eigelb, Mehl und Grieß dazu bevor er den Teig knetete und würzte. Er war sehr zufrieden mit sich. Er steckte sich einen Riegel Schokolade in den Mund, formte die Gnocchi und machte sich an das Fleisch. In Gedanken ging er schon die Nachspeise durch: pochierter Glühwein-Apfel mit Lebkuchen-Mousse.

Plötzlich klingelte es an der Haustür. Er fuhr zusammen. Er bekam so gut wie nie Besuch. Und schon gar nicht abends. Da arbeitete er normalerweise. Das wussten doch eigentlich alle. Wer konnte wissen, dass er heute seinen freien Tag hatte. Er stürzte zur Tür und schaute durch das Guckloch. Vor der Tür stand Michaela. Sie war noch schöner als damals. Er war völlig vor den Kopf gestoßen. Was wollte sie hier. Und ausgerechnet jetzt wo er mittendrin war in der Vorbereitung für den Wettbewerb. Sie durfte auf keinen Fall sehen was er am Freitag kochen wollte. Es klingelte noch einmal. Das Klingeln ging ihm durch Mark und Bein. Natürlich konnte er einfach nicht aufmachen, aber von der Straße konnte man sehen dass in seiner Küche Licht brannte. Wahrscheinlich hatte sie ihn dort sogar schon gesehen. Er stürmte in die Küche und räumte blitzschnell alles zusammen. Da ihm nichts besseres einfiel öffnete er den Mülleimer und entsorgte binnen kürzester Zeit die ganze Arbeit von 3 Stunden. Dann lief er zur Tür und öffnete. Michaela war nicht mehr da. Er rannte auf die Straße doch er konnte sie nicht sehen. Er ging zurück in seine Wohnung, schloss die Tür und blickte sich in der Küche um.

Egal, dachte er. War ja nur eine Übung. Er öffnete die Flasche Rotwein und schenkte sich ein Glas ein. Die Nachspeise konnte er auch noch morgen früh ausprobieren.

Er leerte die Flasche Wein und aß den Rest der Tafel Schokolade. Während er vor sich hindämmerte träumte er von Michaela und war sich plötzlich gar nicht mehr so sicher ob es wirklich an der Tür geklingelt hatte.